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Nr. 082: „so viel Maulbeere anzupflanzen wie nur irgend möglich“

Nr. 082: „so viel Maulbeere anzupflanzen wie nur irgend möglich“

Der „Landstreifen zwischen Bahn und Kolonie“ ist 6 Meter breit, besteht aus einem Fahrweg, Fußweg und Reitweg. Zwischen Reitweg und den Gärten der Kolonie wächst am Drahtzaun eine Maulbeerhecke.

Das Thema „Diebstahlvorsorge“ leitet zu einem weiteren Thema über, das in den 1940er Jahren wichtig gewesen ist und diesen Blog über die Entstehungszeit des Kleingartenvereins Mutterkamp in BS-Riddagshausen vorerst mit dem Beginn der 1950er Jahre abschließen soll (letztes Transkript ist die Erweiterte Vorstandssitzung, 31.08.1951, PB I, S. 91). Die Schlagworte lauten: „Landstreifen zwischen Bahn und Kolonie“ sowie Grabeland am alten Reitweg bzw. Fußweg – Fahrweg – Grenzweg – Querweg – Verbindungweg – Promenadenweg. Die Kleingärtnernden des KGV Mutterkamp sind sich nach 1945 sicher: Wenn die Wege an den äußeren Begrenzungen der Kolonie anders konzipiert (worden) wären, würde es zu weniger Diebstählen kommen.

Landstreifen an der „Eisenbahn nach Gliesmarode R.B.“ (Plan 1946) soll – nicht mehr! – brach liegen.

Schon im ersten Jahr nach der Vereinsgründung und „Konzeption“ der „Musterkolonie Mutterkamp“, im Februar 1936, denken die Kleingärtnernden über den heutigen Weg „Am Nußberg“ nach. Im Protokoll der Vereinsversammlung vom 12. Februar 1936 ist über die Wegstrecke notiert: „Der Landstreifen zwischen Bahn und Kolonie soll nicht mehr brach liegen bleiben. Der Vereinsführer schlägt vor, dieses Land aufzuteilen und interessierten Mitgliedern des Vereines kostenlos zum Beackern zu überlassen.“ (12.02.1936, PB I, S. 14–16, hier S. 15 f.) Bei der Mitgliederversammlung am 28. August 1936 ist nicht nur der neue „Stadtgruppenführer“, Herr Lenz, anwesend und führt den neuen „Vereinsführer“, G. F. Rünger, in sein Amt ein, sondern auch „Landesgruppenführer“ Dippold sowie Baurat Dierichs als Vertreter der Stadtverwaltung sind im „Restaurant Stadpark“ vor Ort: „In einer Aussprache über die Anlage der Gärten gibt Herr Baurat Dierichs Erklärungen über den Ausbau der Streifen außerhalb der Gärten […].“ (28.08.1936, PB I, S. 17)

Lageplan (1962): Lageplan des Kleingartenverein Mutterkamp e. V. Stadtarchiv Braunschweig, E 32.1: 341.17 (A VII 5). Foto: Archiv KGV Mutterkamp e. V.
Lageplan (1962): Lageplan des Kleingartenverein Mutterkamp e. V. Stadtarchiv Braunschweig, E 32.1: 341.17 (A VII 5). Foto: Archiv KGV Mutterkamp e. V.

Der Vorstand beantragt, den Landstreifen bis zur Grenze zum KGV Nussberg einzuverleiben.

Zehn Jahre später beschäftigt sich der KGV Mutterkamp weiterhin damit, wie das Gelände oberhalb/westlich der Gärten Nr. 1, 26, 27, 49, 50, 70, 71, 89, 90, 103, 104, 117 genutzt werden soll. Am 15. Oktober 1947 schildert Gfr. Gramann die Situation in einem Schreiben ans Stadtgartenamt (vgl. Antrag Stadtgartenamt Einverleibung Reit-/Fußweg, 1947): An der Kolonie ziehe sich ein etwa 6 m breiter Reitweg, anschließend ein 2 m breiter Fußweg und „weiterhin ein Fahrweg entlang“. Ein Drahtzaun trenne das Koloniegelände vom Reitweg. Der Vorstand beantragt, diesen Reit- und Fußweg entlang der Eisenbahnlinie bis zur Grenze zum KGV Nussberg „einzuverleiben“.

„Begründung: In der heutigen Zeit, wo jedes Fleckchen Erde der Volksgemeinschaft zugute kommen soll und die Stadt selbst Brachlandaktionen fördert, bitten wir als Vorstand vom Gartenverein Mutterkamp, unserem Antrag Gehör zu schenken.“ (Antrag Stadtgartenamt Einverleibung Reit-/Fußweg, 1947) Erinnert die Argumentation (noch) an völkisch-ideologische Sprache? Im März 1940 wurde eine „Brach- und Grabelandaktion“ gestartet (BDG 1996, S. 77), „Brachlandaktionen“ gab es auch 1942 (vgl. Schumacher 2007, S. 3).

Lageplan (1966-11-03): Freizumachende Trasse für neuen Promenadenweg. Stadtarchiv Braunschweig. Sign. E 32,1 Nr. 341.17 (A3-941/56 33/46).

„Greift zum Spaten!“ – So heißt eine „Brachlandaktion“ in Hannover im März/April 1946.

„Brachlandaktionen“ gab es auch im März/April 1946, zum Beispiel in Hannover unter dem Motto „Greift zum Spaten!“. Alles verfügbare Brachland, Freiflächen sowie öffentliche Grünanlagen im Stadtgebiet werden als Gartenland vergeben und sind in Gartenland umzuwandeln (Stadtarchiv Hannover 1991). Die räumliche Situation des Landstreifens am Weg von Riddagshausen nach Gliesmarode ist tatsächlich eng mit der NS-Zeit verwurzelt, denn „an dem [das Koloniegelände vom Reitweg trennenden] Drahtzaun ist eine Maulbeerhecke“. Warum ausgerechnet eine Hecke der Morus alba, der weißen Maulbeere?

Quellen:

  • Protokollbuch I (1935–1962): Schrebergartenverein Mutterkamp 1935–1962. Handschriftliches Manuskript / Transkription. Archiv KGV Mutterkamp, 192 Seiten. (PB I)
  • Gramann, Heinrich (15.10.1947): „An das Stadtgartenamt in Braunschweig. Antrag auf Einverleibung des Reitweges und des Fussweges längs der Eisenbahnlinie am Nussberg bis zur Angrenzung des Gartenvereins Nussberg.“ 1 Seite. Stadtarchiv Braunschweig. (Antrag Stadtgartenamt Einverleibung Reit-/Fußweg, 1947)
  • BDG / Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V. (1996) (Hrsg.): Kleingärten und Kleingärtner im 19. und 20. Jahrhundert. Bilder und Dokumente. Von Günter Katsch und Johann B. Walz. Herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde anläßlich des 75. Jahrestages der Gründung des Reichsverbandes der Kleingartenvereine Deutschlands 1921. 2. Aufl. Leipzig.
  • Schumacher, Jürgen (2007): Zwangsarbeiterlager Bornumer Holz. Online: https://kulturtreff-plantage.de/wp-content/uploads/2020/11/Zwangsarbeit.pdf [16.12.2023]
  • Stadtarchiv Hannover (1991): Chronik der Stadt Hannover von den Anfängen bis 1988. Textfassung der 1991 von Klaus Mlynek und Waldemar Röhrbein publizierten Stadtchronik „Hannover Chronik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Zahlen – Daten – Fakten“. Online: https://www.hannover.de/content/download/826268/file/Chronik+1+bis+1988.pdf [16.12.2023]